Jasper Sebastian Stürup Nameplate

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Flüchtige Texturen. Written In Fur Drawn In Snow. Christoph Tannert. 2012



Jasper Sebastian Stürup hat einen unersättlichen Appetit – auf das Peitschen des Schlagzeugs, das Treiben des Basses, ein Luftholen mitten im Aufschrei, Melodieseligkeit, die große Verunsicherung. 

Sein Zeichenprozess ist eine intime Dauerveranstaltung, die einem permanenten Revisionsprozess unterworfen ist und ihre Legitimität gerade dadurch gewinnt, dass der Künstler Zweifel und Selbstzweifel zu artikulieren imstande sind. Oder in der schlichten, an Karl Popper geschulten Diktion Stürups: "Entscheidend am kritischen Zeichnen ist die Bereitschaft, das eigene Wissen in Frage zu stellen und sich die Dinge möglichst genau anzuschauen, um eventuell etwas Neues darüber zu erfahren." (1) Gemäß diesem Programm durchmisst Stürup 50 Jahre Ideen- und Popgeschichte - kratzig und überaus weltoffen, rau und anspringend und ohne ein Minimum an Geborgenheit, aber immer mit Rhythmus und Groove.

Da kommen Bedächtigkeit und Entrüstung zusammen, stoische Souveränität und Leidenschaft, ein Zuhause-Fühlen in Sound und Grenzenlosigkeit, Vergangenheit und Zukunft. Und das alles in einem Zeichnungs-Büchlein, das wiederum den Anstoß zu einem weiteren bietet. Selbst wer von Popmusik überhaupt keine Ahnung hat, wird dieses schabende, am Autoritären sägende Grundgeräusch des Zeichengeräts wahrnehmen. Stürup übersetzt Sound in Zeichnungen, die Ereignisformen der Pop-Moderne in Bilder und lässt Underground und die Gefühle von Anderssein und Unabhängigkeit nachfühlbar werden. Das ist keine rückwärts gewandte Geste, die wehleidig etwas Verlorenes beklagt, sondern Munition für die Zukunft. Dabei ist Stürup ganz heutig und führt vor, dass das Zeichnen immer dann in Sackgassen geriet beziehungsweise unkritisch wurde, wenn es bei der Vergangenheit oder bei der Zukunft Zuflucht suchte. Das jugendliche Temperament seiner Zuneigung gegenüber dem alt-jungen Unruhegeist kommt denn auch in seinen Einzelblättern und Zeichenbüchern wunderbar zum Ausdruck. Man wünscht sich mehr solcher Frischmacher, die noch nicht in gepflegter Resignation und kunstmarktkonformer Zurückhaltung ihrer Musealisierung entgegendämmern.

Von Stürup lernen wir, dass Harmonie nichts taugt, so wenig wie eine Gesellschaft, die den Konsens im politischen Tagesgeschäft und auch sonst zum Glaubensbekenntnis erhebt. Im Reich der Demokratie kann es nicht um Wellness und Friede / Freude / Eierkuchen gehen, sondern nur um das Aneinanderreiben von Meinungen. Zweitens lernen wir von ihm, dass Humor nicht unbedingt subversiv ist, oft geradezu das Gegenteil davon. Aus dem Gegröle des durchkommerzialisierten Stadien- und Altherren-Rocks, welcher bekanntlich längst zum gesellschaftlichen Pflichtprogramm geworden ist, besonders im Fernsehen und bei Betroffenheitsaktionen aller Art, hört Stürup vor allem die höhnische Stimme des Mobs heraus, der johlend den Takt schlägt wenn es um das Beklatschen der eigenen Begrenztheit geht. Schwarmgeschmack hat Stürup nie interessiert.

Stürups Zeichnungen sind befreiend wie labyrinthisch verknüpft, sophisticated wie punk-primitiv, so radikal wie einfach.
So zart, so wild, so dreist, so düster, aber auch hell vor Unbekümmertheit geht es selten auf Zeichnungsblättern zu seit Robert Crumb 1970 seine black angels aufsteigen ließ. Sie spiegelten den Vietnamkrieg als Trauma der amerikanischen Nation. Stürup dagegen träumt alle möglichen Rock-Kaskaden, auf denen er sich treiben lassen kann, ohne von Kapitalismuskritik und generellem Unbehagen am Zeitgeist genervt zu werden. Es ist eine horizontsprengende Unbefangenheit, die sich mit hellwachem Reflektieren kreuzt, ohne je dogmatisch zu werden. Dem Konformitätsdruck, der aus der Mitte der Gesellschaft kommt, begegnet er mit Spontanem, Naivem, Ungelenkem, das einen neugierig und erwartungsfroh macht.

Da sind die solistischen Linien, linearen Bögen und Linienverdichtungen die das Handschriftliche in ästhetische Energie übersetzen. Da ist die melancholische Weite des Sounds, die Bilder von magischen Landschaften heraufbeschwört. Und unter allem pulsiert sanft und sacht eine Papierstruktur, die einen Zustand des Universums behauptet, in dem etwas Weißes existiert, das nicht mehr neu gezeichnet werden muss, sondern hervortritt indem Aufmerksamkeit umverteilt wird. Das Weiße hält fest und gibt frei, je nach zeichnerischer Konvention. Es ist ein vollkommen organischer Klang, den Jasper Stürup reichhaltig abgemischt hat. Stimmungen entstehen wie Wolkenfelder und ziehen ebenso vorüber. Einmal führt die Linie wie auf einem verschlungenen Pfad hinab ins Dunkel, um sich kurz darauf umso klarer und heller zu weiten. Ein anderes Mal schafft Stürup zwischen all den flüchtigen und mikroskopischen 

Texturen eine wunderbar fließende Balance und formuliert das Thema jedes Blattes.
Diese Zeichnungen atmen eine Freiheit, die sich nicht nur herleitet aus der Musik, die Stürup verehrt, sondern sie sind selbst Kosmen der Improvisation und ausufernd in ihrer Kreativität. Sie sind Gesten der Verneigung und leben von der Erinnerung, doch gleichermaßen vom Aufbruchsgeist - und jedes Büchlein wacht darüber, dass die Verbindungen nicht nur in die Vergangenheit führen, sondern auch in die Gegenwart.


(1) In conversation with the author on October 18, 2011.

Christoph Tannert is Director, Künstlerhaus Bethanien, Berlin.